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Im Regen – eine Kurzgeschichte

Diese Kurzgeschichte entstand während der Schulzeit in der zwölften Klasse.

Das Wasser läuft ihr in die Schuhe und dringt damit direkt durch die Fasern ihrer Seidenstrumpfhose bis an die zarte Haut ihrer Füße. Doch momentan hat sie etwas viel Wichtigeres zu tun, als sich um eine Erkältung zu sorgen. Noch immer kann sie diesen Augenblick nicht vergessen, diesen einen, kurzen Zeitpunkt, in dem ihr Leben eine Kehrtwende nahm, in dem sie die wahre Liebe für sich entdeckte.

Nachdem sie jahrelang gesucht und viele Rückschläge erlebt hatte, fand sie nun endlich den Mann, der ihr Leben entscheidend beeinflusst hatte, den Mann, der ihr Verständnis von Liebe, ja, ihr gesamtes Ich neu definieren würde. Doch wem sollte sie dies erzählen, wer würde ihre Gefühle wirklich verstehen? Zurzeit hatte sie ja nur sich und ihren kleinen, fuchsroten Kater. Sie schlendert wie in Trance die Baumann-Allee entlang, in der ihr normalerweise der Lärm der Menschen, Geschäfte und Autos auf die Ohren drückten. Doch heute war es anders. Heute bekommt sie von alle dem nichts mit, nicht einmal, dass sie bereits von oben bis unten durchgeweicht ist. Mit beiden Händen hält sie ihr langes, weißes Kleid fest, damit es nicht schmutzig wird, was aber ungewollterweise dazu führte, dass nun jeder bis zu den Knien ihre wundervollen Beine bewundern konnte. Ihre langen, blonden Haare, welche sonst leicht gewellt vom Kopf baumelten, waren durch den Regen glatt und schwer geworden. Also band sie diese auf dem Kopf zusammen. Die Regentropfen, welche sich in ihrer Haarpracht verfingen, reflektierten das Licht der Laternen am Straßenrand. Jeder Vorbeigehende hätte denken können, sie sei ein Engel, der vom Himmel herab gestiegen war.

Und wieder dachte sie an das Geschehene. Der Moment, der Mann, der Kuss. Blitzartig schossen ihr Bilder durch den Kopf. Endlich würde ihr einsames Leben ein Ende haben, endlich hatte sie jemanden, mit dem sie ihre Gefühle teilen konnte, dem sie alles anvertrauen konnte. Plötzlich stand sie vor ihrer Haustür. “So schnell war ich noch nie zu Hause”, dachte sie, aber vielleicht lag es daran, dass sie den gesamten Weg geträumt und so die Zeit vergessen hatte. Sie schloss die Tür auf, lief eilig in ihre Wohnung, zog sich aus und fiel mit vielen Vorsätzen für den nächsten Tag ins Bett. Vielleicht würden ihre Träume das Geschehene noch einmal aufgreifen…

Foto: Clarissa Peterson