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Was ist die Welt…? von Christian Hofmann von Hofmannswaldau – eine Erörterung

Diese Erörterung stammt noch aus meiner Abiturzeit. Da sie des Öfteren bei Google gesucht und dann meine Seite aufgerufen wird, habe ich sie auch in die neue Version der Seite wieder mit aufgenommen.

Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen?
Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurzgefassten Grenzen,
Ein schneller Blitz bei schwarzgewölkter Nacht,
Ein buntes Feld, da Kummerdisteln grünen,
Ein schön Spital, so voller Krankheit steckt,
Ein Sklavenhaus, da alle Menschen dienen,
Ein faules Grab, so Alabaster deckt.
Das ist der Grund, darauf wir Menschen bauen
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm, Seele, komm und lerne weiter schauen,
Als sich erstreckt der Zirkel dieser Welt!
Streich ab von dir derselben kurzes Prangen,
Halt ihre Lust für eine schwere Last:
So wirst du leicht in diesen Port gelangen,
Da Ewigkeit und Schönheit sich umfasst.

Das Gedicht „Was ist die Welt…?“ von Hofmannswaldau, welches er zur Zeit des Barock schrieb, handelt davon, die Welt zu erklären und den Menschen dazu zu bringen, weiter zu denken als nur im Umfang des Erdballs. Das Gedicht besteht aus 16 Versen mit jeweils zehn bzw. elf Silben. Es ist hauptsächlich (außer in den Zeilen fünf und sieben) in reinen Kreuzreimen geschrieben. Die Kadenzen und Silben wechseln parallel zum Reimschema, wobei es im zweiten Vers eine Abweichung gibt (hier sind es elf statt zehn Silben). Diese Abweichung ist darauf zurückzuführen, dass Hofmannswaldau das Gedicht in drei Abschnitte gegliedert hat. Hofmannswaldau nutzt im zweiten Vers elf Silben um so den ersten Abschnitt deutlicher machen. Diesen ersten Abschnitt bilden die ersten zwei Verse, die lediglich aus zwei rhetorischen Fragen bestehen. Inhaltlich werfen sie die Frage auf, was die Welt denn überhaupt ist. Indem er diese zwei Fragen an den Anfang stellt, zeigt er sofort, worum es in diesem Gedicht geht. Außerdem wird durch die rhetorischen Fragen deutlich gemacht, dass es auf diese Fragen keine richtigen Antworten gibt, denn noch heute beschäftigen sich schließlich mit der Frage ,,Was ist die Welt?“ etliche Wissenschaftler, Philosophen, Theologen…

Im zweiten Abschnitt (Vers drei bis acht) – versucht das lyrische Ich, Antworten auf seine gestellten, rhetorischen Fragen zu bekommen. Dieser Abschnitt ist noch einmal in zwei Teile gegliedert. Insgesamt zieht das lyrische Ich pro Vers einen Vergleich. Mit Vers neun beginnt der dritte Abschnitt. Inhaltlich geht es darum, den Menschen zu zeigen, dass es außer der doch ziemlich vergänglichen Welt noch etwas anderes und Beständigeres gibt. Außerdem fordert das lyrische Ich die Menschen dazu auf, mit offeneren Augen durch das Leben zu gehen und von materiellen Dingen loszulassen.

Inhaltlich spiegelt Hofmannswaldau mit seinem Gedicht also typische Ansichten und Probleme aus der Zeit des Barock wider. Ein grundsätzliches Problem dieser Zeit war der Gegensatz zwischen Prachtentfaltung und Todeserfahrung. Während einerseits herrliche Bauten entstanden und Entdeckungen gemacht wurden, tobte andererseits der Dreißigjährige Krieg, und die Pest zeigte den Menschen, dass das Dasein begrenzt ist. Diese Tatsache zeigt sich in dem Gedicht unter anderem durch strukturelle Elemente wie zum Beispiel die nochmalige Unterteilung des zweiten Abschnitts. Im ersten Teil (Vers drei bis sechs) spricht das lyrische Ich von Dingen mit kurzer Dauer (Symbole wie Blitz, Pflanzen) bzw. Dingen, die nur zu sein scheinen. Der zweite Teil beinhaltet das Schlechte, was einem Menschen zustoßen kann und durch eine Klimax ausgedrückt wird: Krankheit, Ausbeutung, Tod. In diesem Teil kommt ganz deutlich der Vanitas (Gedanke des Barock) durch. Alles auf der Erde ist vergänglich und nur von kurzer Dauer. Die Gegensätzlichkeit wird aber auch durch inhaltliche Aspekte deutlich gemacht. Im vierten Vers zum Beispiel ist die Rede von einem Blitz und „schwarzgewölkter Nacht […]“, was durch Antithetik den Gegensatz zwischen hell (etwas schönem) und dunkel (etwas unangenehmen) besonders charakterisiert. Betont wird der Gegensatz noch dadurch, dass das lyrische Ich einen Blitz erwähnt, der besonders hell ist und das Dunkel zweimal hervorhebt (schwarz und Nacht). Ein weiterer Gedanke des Barock ist der Ausspruch „memento mori“ (Gedenke, dass zu sterblich bist). Auch dieses hat das lyrische Ich in diesem Gedicht verarbeitet. Es weist immer wieder auf den Tod hin wie auch in den letzten beiden Versen, wo die Rede davon ist „[…] in diesen Port gelangen […].“

Hier steht die Metapher „Port“ für das Ziel – also das Jenseits nach dem kurzen Leben. In Vers sieben wird klar, dass das Bürgertum an Bedeutung verliert, was auch typisch für den Barock war. Es ist die Rede von „ein(em) Sclavenhauß / da alle Menschen dienen“. Hierbei ist das Wort „Sclavenhauß“ eine Metapher für den Fürsten, der in der Zeit unter dem Auge Gottes auf dem Vormarsch war und daher auch nicht abgesetzt werden konnte. Die Menschen sind ihm gefolgt, da er in gewisser Weise ihre Verbindung zu Gott darstellte. Auch, dass Leidenschaften verpönt waren, kommt in dem Gedicht vor allem in den Versen 13 und 14 deutlich hervor. Der Mensch soll sich nicht mit falschen Federn schmücken und damit „prangen“ und die Lust, die die Erde versprüht als eine Last ansehen. Nur der Mensch im „status zivilis“ ist ein ehrbarer Mensch. Die ursprünglichen Menschen, die sich auf Gefühle einließen, wurden als Pöbel beschimpft. Die typische Spannung zwischen Welt und Gott wird deutlich, wenn man vor allem den zweiten und dritten Abschnitt miteinander vergleicht. Im zweiten Abschnitt zählt das lyrische Ich nur negative Dinge auf, die den Menschen das Leben erschweren. Die positiven Dinge werden von vornherein ausgelassen und als bloßer Schein beschrieben (Vers drei), was wiederum auf das Schlechte der Leidenschaften zurückzuführen ist. Im dritten Abschnitt wird dann gesagt, dass die Menschen erst lernen müssen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen (Vers elf: „Komm Seele / komm / und lerne weiter schauen“), um dieses zu erkennen. Nämlich dass man sich während des Lebens auf Erden nicht verführen lassen soll und erkennen muss, dass das Wahre erst mit dem Tod eintritt; der Gang ins Jenseits und das Leben für Gott. Das Gedicht „Was ist die Welt…?“ von Hofmannswaldau gibt also die typischen Attribute des Barock wieder. Der Mensch fristet sein nicht beeinflussbares, vergängliches Dasein in einer vergänglichen Welt, und seine Hoffnung liegt in dem Glauben an Gott und in dem Leben nach dem Tod.

Foto: Kevinzim